Weltwoche Ausgabe Nr. 2/00, 13.1.2000
Mit Echelon, Enfopol und Sorm versuchen sich die Regierungen vor ihren Bürgern zu schützen. Doch der Widerstand gegen die Schnüffelei wächst
Von Alain Egli
Vor Jahresfrist behaupteten wir hier,
der wirkliche Grosse Bruder sei nicht die Regierung, sondern der elektronische Handel.
Damit hatten wir Unrecht. Nicht dass wir bezüglich E-Commerce falsch gelegen wären.
Unvermindert verfolgen uns «Online Profiler» und «Data Miner», die erwähnten
Wirrungen um Hotmail, Real
Networks, Etoys, Amazon
und andere
sowie zahlreiche weitere, hier nicht eingehender besprochene Skandale belegen dies.
Unterschätzt haben wir vielmehr die staatlichen Aktivitäten - was, im Nachhinein
besehen, natürlich schrecklich naiv war. Wenn es schon für kommerzielle Anbieter relativ
einfach ist, Kunden und Kundinnnen «kennen zu lernen», wehalb sollte sich dann
ausgerechnet der Staatsschutz diese Möglichkeiten entgehen lassen? Zbigniew Brzezinski,
nationaler Sicherheitsberater unter US-Präsident Jimmy Carter, wurde vor Jahresfrist in
einem Artikel des «Monde
Diplomatique» folgendermassen zitiert: «Wenn Sie die Fähigkeit haben, sich
Informationen zu beschaffen, ist es sehr schwer, sich willkürliche Schranken
aufzuerlegen. [...] Sollen wir von unserer Möglichkeit mitzulesen etwa keinen Gebrauch
machen?»
Im selben Artikel berichtete der «Diplo» über den Aufbau eines «Echelon» genannten
internationalen Abhörnetzes. Ziel der unter der Ägide des amerikanischen Geheimdienstes
National Security Agency (NSA) geführten
Bestrebungen sei es, «den weltweiten Fax-, Telex-, E-Mail- und Telefonverkehr
routinemässig abzuhören». Obschon sich der Artikel auf eine Reihe überprüfbarer
Quellen berief - so etwa die 1996 erschienene Untersuchung «Secret Power. New Zealand's role in the international
spy network» des neuseeländischen Forschers Nicky Hager -, wurde die Geschichte kaum
aufgegriffen. Man vermutete wohl bloss eine weitere jener im Internet so zahlreich
kursierenden urbanen Legenden. So bemühten sich einstweilen nur vereinzelte Publikationen
um Aufklärung, darunter die österreichische «Quintessenz»,
deren gesammelte Echelon-Berichte inzwischen eine stattliche Liste ergeben, oder der Heise-Titel «Telepolis», welcher ebenfalls
ein laufend ergänztes Dossier führt.
Berichtet wird über Echelon gemäss «Quintessenz» allerdings schon seit 1988, doch eine
offizielle Erwähnung fand das Abhörnetz laut
«Telepolis» erst 1997 in einem Bericht
für das Europa-Parlament. Eine offizielle Bestätigung der Existenz sei dann im
vergangenen Mai durch den Direktor des australischen Defense Signals Directorate (DSD), Martin Brady, erfolgt, der mit
seinen Ausführungen über die Arbeitsweise von Echelon seine Mitbürger beruhigen wollte.
Brady erklärte, auf der Grundlage des bis dahin streng geheimen, 1947 zwischen Amerika,
Kanada, dem Vereinigten Königreich, Australien und Neuseeland geschlossenen
Ukusa-Vertrages würden stündlich Millionen von Botschaften abgefangen und mit grossen
Rechnern nach Stichwörtern durchkämmt. Die Ergebnisse dieser Analysen stünden allen
Signal-Intelligence-Diensten - «Sigints» - der fünf Teilnehmerländer zur Verfügung.
Fast zeitgleich lieferte ein zuhanden der EU verfasster und am 10. Mai veröffentlichter Bericht über
die Überwachungstätigkeiten innerhalb der Union eine weitere Bestätigung von Echelon.
Darin heisst es unter anderem, Echelon sei nur einer von vielen Namen eines seit rund
zwanzig Jahren bestehenden Überwachungsprojekts.
In welchem Rahmen sich die EU an
Echelon beteiligt, ist nicht klar. Man weiss lediglich, dass eine als Enfopol (abgeleitet
von «Enforcement Police») bekannte Arbeitsgruppe der Europol während Jahren nach einer
einheitlichen Regelung der Überwachungstätigkeiten suchte. Über Enfopol berichtete
beispielsweise «Telepolis», worauf «Internet Intern» zur Besonnenheit aufrief. Nach Rücksprache
mit dem in Deutschland zuständigen Beamten kam das Online-Magazin zum Schluss, der
Heise-Ableger habe bei seiner Berichterstattung übertrieben; vielmehr bestehe doch «ein
durchaus legitimes Bedürfnis der strafverfolgenden Behörden an gezielten
Abhörmassnahmen, die nichts mit Schnüffelei zu tun» hätten. Der insinuierte
Zusammenhang zwischen der vom Europäischen Rat 1995 beschlossenen polizeilichen Zusammenarbeit Enfopol und Echelon sei im
Übrigen nicht belegt. Unbestritten ist indes - einem Spezialisten in der
«WochenZeitung» (WoZ) zufolge - die
Arbeit der Polizeiabteilungen aller EU-Länder «an einem gross angelegten
Spionage-System, das den Staatsorganen eine Beobachtung der gesamten Internet-, Fax- und
Natel-Kommunikation erlaubt». Dass aber die europäische Enfopol mit dem angelsächsichen
Echelon kooperiert, wird nicht belegt.
Von den Regierungen Amerikas und Grossbritanniens wird Echelon ungeachtet aller Zeugnisse
und der Diskussionen im Europäischen Parlament weiterhin dementiert. Dennoch weiss man
inzwischen offenbar, dass mindestens 120 Lauschstationen den Globus abhören, U-Boote
systematisch zum Abzapfen transatlantischer Kabel eingesetzt werden und die NSA an den
neun wichtigsten Internetknoten der USA eine Schnüffel-Software installiert hat. Ähnlich
gross angelegte Sigint-Operationen betreiben in Europa dem Vernehmen nach Deutschland,
Frankreich, die Niederlande, Schweden und die Schweiz (mehr zur vermuteten Zusammenarbeit
der Schweiz mit Echelon in einem früher erschienenen «Weltwoche»-Artikel).
Über die vergleichbare russische Geheimdienst-Aktivität Sorm hat die «Frankfurter Rundschau» schon vor einem knappen Jahr
berichtet, «Telepolis» lieferte unlängst die Fortsetzung
dazu.
Als Ende Mai die Ratsentschliessung der EU-Innen- und Justizminister über die
Enfopol-Vorschläge aufgrund verschiedener Proteste vertagt wurden, zeigte sich selbst die
«Neue Zürcher Zeitung» über die
Geheimhaltung befremdet. Dass die EU-Minister eine breite öffentliche Diskussion nicht
schon früher für nötig gehalten hätten, sei erstaunlich. Immerhin sei doch vorgesehen,
«den Polizei- und Sicherheitsbehörden weitreichende Überwachungsmöglichkeiten zu
gewähren, die den Datenschutz der ins Fadenkreuz der Fahnder geratenen
Telekomunikationsteilnehmer erheblich einschränken».
Inzwischen beunruhigen diese
Geheimdienstaktivitäten immer mehr Leute. Im Anschluss an Bradys Ausführungen und an die
Debatte im Europäischen Parlament äusserten sich amerikanische Gesetzgeber laut «New York Times» besorgt darüber, dass neben ausländischen
Spionen, Drogenhändlern und Terroristen auch rechtschaffene amerikanische Bürger
bespitzelt werden könnten. Die Bürgerrechts-Anwältin Linda Thompson meinte gegenüber «Wired News»: «Kriminelle sollten gefangen werden,
nachdem sie ein Verbrechen begangen haben. Die Polizei ist nicht dazu da, in die
Privatspäre von uns allen einzudringen, um die zwei Prozent an krimineller Kommunikation
abzufangen.» Aus diesem Grund riefen Netzaktivisten für den 21. Oktober 1999 zu einem
weltweiten Angriff auf die Echelon-Abhörsysteme auf. Dabei schlugen sie vor, am «Jam
Echelon Day» («Blockier-Echelon-Tag») eine Reihe bekannter Schlüsselwörter wie
«Contras», «Mossad», «Terrorist», «Waco» oder «Drogen» in E-Mails zu
verschicken, um die Filter-Server gleichsam durch Reizüberflutung zu überlasten. Der
Erfolg der Aktion war selbstverständlich nicht messbar, was - so «Internet Intern» -
aber auch nicht weiter schlimm sei; das Ziel habe vor allem darin bestanden, die
Öffentlichkeit auf Echelon hinzuweisen.
Befürchtet wird ausserdem, das Abhörsystem könnte Wirtschaftsspionen in die Hand
spielen. Bereits in zwei Fällen bestehe der massive Verdacht, europäischen Firmen seien
durch die Überwachung der firmeninternen Kommunikation vermeintlich sichere Aufträge in
Milliardenhöhe entgangen, berichtet «Quintessenz». Einen weiteren Fall solcher
Wirtschaftsspionage führte «BBC News» in seiner Enthüllung von Echelon auf (das vergleichsweise späte Erscheinen der
«BBC»-Geschichte wurde in «Wired News» übrigens mit der spitzen Bemerkung kommentiert,
die einzige Neuigkeit sei hier, dass nun auch die «BBC» darüber spreche). Der Experte
Duncan Campbell, welcher den Bericht für die EU verfasst hatte, klagte gegenüber der
«BBC»: «Man kann sich nirgends beschweren, wenn man ausgehorcht worden ist. Dies ist
eine völlig rechtsfreier Raum.» Dem pflichtet
auch Barry Steinhardt von der Bürgerrechtsgruppe American Civil Liberties Union (ACLU) bei: «Echelon funktioniert innerhalb
einer schwarzen Box - ohne gesetzliche Überwachung, ohne Kenntnisnahme durch die
Öffentlichkeit. Die ACLU fordert jetzt eine völlige Offenlegung der Echelon betreffenden
Gesetze.» Dazu hat ACLU die Website Echelon Watch eingerichtet, auf der die Aufklärung über die
Schnüffelei koordiniert werden soll. Die Rubrik «Frequently Asked
Questions» fasst hier übersichtlich den Stand der Ermittlungen zusammen. Und das
Electronic Information Privacy Center (EPIC)
ist gegen die NSA Anfang Dezember gar gerichtlich vorgegangen,
um so Licht in die dunkle Affäre zu bringen. Ob sich die immer unheimlichere Eigendynamik
der Schlapphüte dadurch wird stoppen lassen, bleibt abzuwarten.
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