Aus der WELTWOCHE Nr. 7/00, 17.2.2000
Der informierte
Surfer weiss: Jede seiner Aktionen im Netz hinterlässt Spuren, die aufgezeichnet und
zurückverfolgt werden können. Findige Marketingspezialisten freut das, wie hier
schon erwähnt. Auch dass mit den Daten zuweilen unsorgfältig und bisweilen sogar
missbräuchlich umgegangen wird, ist bekannt (mehr hier),
ebenso die Tatsache, dass Regierungen ihre Bürger (mehr hier)
und Vorgesetzte ihre Angestellten (mehr hier)
mittels Internet ausspionieren.
Dennoch wurde der Sicherheitsexperte Kirk Bayley unlängst überrascht. Einer Gruppe von
Kollegen hatte er den Auftrag erteilt, testeshalber so viel wie auf legalem Weg möglich
über ihn herauszufinden. Das Resultat sei erschreckend, vermeldet
die «New York Times».
Wie wahr das vermeintlich abgelutschte Bild vom «gläsernen Surfer» ist, illustrieren
verschiedene Sites auf anschauliche Weise. Der Hirnbrauser etwa zeigt
Schritt für Schritt, welche Informationen Site-Betreiber von ihren Besuchern einsehen
können. Ähnlich funktioniert ein von Anonymizer
wohl zu Marketingzwecken aufgeführter Service. Beim Datenschutzbeauftragten des Kantons Zürich (DSB) prüft ein in Zusammenarbeit mit
der Hochschule Rapperswil (HSR)
entwickelter «Browsertest» zudem, ob aus dem Internet auf lokale Laufwerke oder
Verzeichnisse eines Surfers zugegriffen werden kann. Und auf der Homepage des hier schon in
verschiedenen Zusammenhängen erwähnten Sicherheitsexperten Richard M. Smith - er war
beispielsweise der Entdecker des Lecks bei Hotmail (mehr hier)
- finden sich verschiedene Diagnose-Instrumente.
Ungeachtet all dieser Möglichkeiten werden böse Hacker und «Cybervandalen» nicht immer
gefasst. In der aktuellen «Newsweek» etwa wird davon ausgegangen,
dass die Urheber der so genannten DDoS-Angriffe von vergangener Woche (mehr hier)
nicht ausfindig gemacht werden können, wenn sie nur genug vorsichtig vorgegangen sind.
Denn wer über genügend Fachwissen und Ausdauer verfügt, kann seine Spuren verwischen.
Auf entsprechende Möglichkeiten im E-Mail-Verkehr haben wir hier
schon hingewiesen.
Tatsächlich sind die Chance, Kriminellen habhaft zu werden und die Gefahr, die
Privatsphäre der Surfer zu verletzen laufend Gegenstand von Abwägungen. So etwa vor
Jahresfrist in der «New York Times», wo die Risiken von virtuellen Tarnkappen als zu
hoch eingeschätzt wurden. In der «E-Commerce Times» wird gar kommentiert,
Anonymität im Internet fördere «Cyber-Feigheit».
Eine in «Wired News» vorgestellte, während zwei Jahren ausgearbeitete Studie der American Association
for the Advancement of Science (AAAS)
kommt zum Schluss, Anonymität sei für die technologische Entwicklung und für den freien
Informationsaustausch im Internet von grösster Bedeutung. «Das Wesen des Internets
ermöglicht einzigartig nützliche Formen der Kommunikation, welche Anonymität
voraussetzen», wird etwa der Leiter der AAAS-Forschungsprogramme, Al Teich, zitiert. Auch
wenn anonyme Kommunikation zu Missbräuchen führen könne, überwögen gegenüber den
Risiken insgesamt doch die positiven Aspekte. Trotz dieser Resultate wird dem Herausgeber
der Studie zufolge befürchtet, Politiker, welche vom Internet keine Ahnung
hätten, würden Sprachregelungen festlegen. Und in der Tat sind entsprechende
Gesetzesvorstösse schon verschiedentlich gemacht worden.
Eine andere, von «Computer Currents» erwähnte
Untersuchung zur Anonymität online befand gar, eine Beschränkung würde gegen das Recht
auf freie Meinungsäusserung verstossen.
Das Bedürfnis nach mehr Privatsphäre schafft gemäss einem weiteren «Wired News»-Bericht eine neue Industrie. Enonymous stellt beispielsweise eine Advisor getaufte Software zur
Verfügung, die beim Besuch von Websites automatisch eine Bewertung von deren Umgang mit
persönlichen Informationen abgibt. «ZDNet News» wiederum berichtet,
das Programm Web Incognito von Privada
entziehe Website-Betreibern die Möglichkeit, Daten ihrer Benutzer zu sammeln (eine Produktbesprechung
findet sich bei «CNet»).
Noch genauer ist die Montrealer Zero Knowledge System (ZKS) in die Marktlücke
gesprungen. Mit Freedom bietet ZKS für zehn Dollar jährlich ein Pseudonym an, mit dem
man absolut unerkannt surfen, chatten, mailen und an Newsgroups teilnehmen kann. Nur
anonyme Einkäufe übers Web machen damit keinen Sinn, muss doch bei E-Commerce-Sites mit
der Lieferadresse und der Kredtikartennummer die wahre Identität zumeist aufgedeckt
werden.
Zur Anmeldung bei Zero-Knowledge wird aus dem Netz eine Software auf den eigenen Rechner
heruntergeladen, mit der multiple digitale Identitäten - zum Beispiel
libertas@freedom.net - erschaffen werden können. Der Vorteil dieser unüblichen
Registration: Das Pseudonym kann ohne Hilfe eines fremden Servers generiert werden, auf
welchem Daten abgelegt werden müssten.
Der Datenstrom des ZKS-Kunden wird
zudem immer erst durch das Netz von Freedom.net
geschleust und dann verschlüsselt über weltweit verteilte Server geleitet, um so seine
Herkunft und die Identität der Urheber zu verwischen. Dies unterscheidet Freedom denn
auch von vergleichbaren Produkten. Auf diese Weise soll das System Experten zufolge die
maximal mögliche Anonymität gewährleisten; noch nicht mal Zero Knowledge vermag On- und
Offline-Identäten miteinander in Verbindung zu bringen. ZKS weiss lediglich, wer ein
Pseudonym gekauft hat, nicht aber, was für eines verwendet wird. «Sogar wenn mir jemand
eine Pistole an die Stirn hielte, wäre mir eine Korrelation der beiden Identitäten nicht
möglich», erklärte ZKS-Präsident Austin Hill stolz gegenüber
den «San Jose Mercury News». Und gegenüber
«CNet News» fasst er die Gespräche mit dem Geheimdienst FBI, der sich bei
Verschlüsselungen spezielle «Hintereingänge» auszubedingen versucht, zusammen (mehr
zur Kryptografie im Internet hier):
«Die Konversation läuft üblicherweise so ab: Könnt ihr eine Hintertür einbauen? -
Nein.»
Dass so viel Geheimhaltung auch seine problematischen Seiten hat, wird unter anderem bei
den «S.J. Mercury News» unterstrichen. Einmal mehr müssen die als Schreckgespenster so
beliebten Betrüger, Kinderschänder und gewissenlos raubkopierenden Piraten herhalten.
Absolute Anonymität im Netz sei alles andere als unbedenklich, öffne sie doch jeglicher
Form von Kriminalität Tür und Tor. Doch der Datenschutzexperte Jason Catlett von Junkbusters gibt zu bedenken: «Die
Frage ist: Soll anonyme Rede erlaubt sein? Die Antwort lautet ja, denn wenn sie verboten
ist, befinden wir uns in einem Polizeistaat.» Davon abgesehen sind - so der
«Seattle Post-Intelligencer» - bei Zero Knowledge offenbar Schritte geplant, um
beispielsweise den lästigen Massenversand von E-Mails zu verunmöglichen.
«Das ist die Infrastruktur, auf der die Zukunft aufbaut», frohlockt
Austin Hill in «Techweb». Gegenüber «Wired News» präzisiert
er, die aktuelle Infrastruktur sei zu durchlässig. Es müssten daher alle Lecks gestopft
werden, erst dann ergebe sich ein faires Kräfteverhältnis zwischen Konsumenten und
Dienstanbietern. Und in «ZDNet News» prophezeit
Hill: «Die Frage des Datenschutzes wird für das nächste Jahrhundert sein, was in diesem
Jahrhundert die Bürgerrechte waren.»
Allerdings wird vom «ZDNet»-Journalisten beklagt, dass das Umleiten der Daten das Surfen
verlangsame. Auch sei eine Lösung für das anonyme Einkaufen weiterhin ausstehend. Es
frage sich überdies, ob die Benutzer wirklich bereit seien, für Anonymität zu bezahlen.
Hier zumindest sind Bedenken unnötig: Sobald Privatsphäre zum Privileg wird, hat sie
auch einen Preis; die Anstrengungen von Prominenten und Stars zeigen dies schon lange.
Dass der Datenschutz aber nicht ein Grundrecht ist, kommt einem Skandal gleich - aller
Kriminalität zum Trotz.