Aus der Sonntags-Zeitung vom 16. April 2000:

Im anarchischen Untergrund des Web

Die unkontrollierbaren Netzwerke von Gnutella und FreeNet öffnen das Netz

VON MARTIN SUTER

New York - Der lange Arm des Gesetzes reicht bis ins Internet - diesen Eindruck hat am Dienstag das Urteil in einem Münchner
Musterprozess vermittelt. Ein Landgericht stellte fest, dass Internetprovider haften, wenn auf ihren Servern illegal Dateien ausgetauscht werden. Der Richter verknurrte America Online (AOL) zu einer sechsstelligen Schadenersatzzahlung, weil Teilnehmer über ein AOL-Musikforum geschützte Songs herauf- und herunterluden. Der Richter wird sich vielleicht noch wundern, wie wenig Wirkung sein Urteil entfaltet. Schuld daran tragen brandneue Gratisprogramme wie Gnutella und FreeNet, die sich derzeit auf dem Netz ausbreiten. Mit ihnen tauschen Kopisten ihre Dateien direkt untereinander aus; es gibt keinen Server mehr, den man juristisch belangen könnte. Die subversive Software muss all jenen die Furcht in die Glieder jagen, die ihr Geld mit Musik, Filmen, Bildern oder urheberrechtlich geschützter Software verdienen wollen. Die Autoren der Programme hingegen sehen sich als Idealisten. «Es ist wie eine Krankheit - eine gute Krankheit», sagt Gene Kan, der Wortführer des Gnutella-Projekts aus Redwood City, Kalifornien. «Es wird der Evolution der Menschen nachhelfen.» Das sind grosse Worte für ein Programm von bloss 100 Kilobyte Umfang. Aber die
bescheidene Software hat es in sich. Gnutella wurde von nicht ganz linientreuen Programmierern bei einer AOL-Tochter erdacht und am 14. März aufs Netz gehängt. Die AOL-Oberen merkten aber rasch, dass hier ein ungemein potentes Werkzeug in die Hände von Internetpiraten gelegt wurde. Unbehelligt würden diese damit Musikdateien austauschen können - pikanterweise auch solche aus den Tonstudios des AOL-Fusionspartners Time Warner. Weniger als 24 Stunden später war Gnutella wieder weg vom Web.

Wer Gnutella installiert, spürt rasch, dass etwas Neues erfunden wurde

Zu spät - der Geist war bereits aus der Flasche: Zu viele hatten das Programm bereits vom Netz heruntergeladen. Gnutellas Code wurde rekonstruiert und von Fans perfektioniert. Inzwischen liegt auf einem eigens gebauten Web-Portal eine Beta-Fassung für Windows vor, Varianten für Linux und Macintosh sollen laut Gene Kan in wenigen Wochen folgen. Wer Gnutella auf seinem PC installiert und es anwirft, spürt rasch, dass hier etwas ganz Neues, Zukunftsträchtiges erfunden wurde. Es genügt, die Internetadresse eines anderen PC mit laufendem Gnutella einzutippen, und schon sucht das Programm dort nach Nummernlisten von weiteren PCs und auf diesen wiederum nach weiteren. Nach dem Prinzip eines Kettenbriefs bildet sich in Sekundenschnelle ein Netz von Hunderten von Mini-Servern heraus. Mit einer einfachen Stichwortmaske kann man jetzt auf diesen PCs nach allen Dateien suchen, die von den jeweiligen Besitzern für Gnutella-Nutzer freigegeben wurden. Die Beute ist üppig. Eine Suche zum Stichwort «Hendrix» etwa ergab Dutzende von Songtiteln des Gitarristen im MP3-Format; der Suchbegriff «Photo-shop» lieferte gleich mehrere Fassungen des Profi-Bildbearbeitungsprogramms, das im Laden Hunderte von Franken kostet. Im Relay-Chat-Kanal #Gnutella, wo sich die Benutzer unterhalten, herrschte derweil Begeisterung. «1200 Hosts und wachsend» brüstete sich ein Teilnehmer mit dem Übernamen «coachcane», während sich immer mehr Rechner mit seinem PC vernetzten. «Verdammt, wie stoppt man die Suche?», fragte derweil «MidnightCoder»; «das ist ja wie ein wildes Tier.» Wenn der eigene Computer zum Knotenpunkt eines Netzwerks mit rasendem Datenfluss in allen Richtungen wird, hat das etwas Unheimliches. In gewisser Weise kehrt mit Gnutella aber das Internet zu seinen Wurzeln als dezentrales Netz von Rechnern zurück - weg vom wohl organisierten World Wide Web mit seinem Domain-System und den zentralen Servern der immer mächtigeren Grosskonzerne. Indem es gleichgestellte Rechner direkt miteinander verbindet, geht Gnutella auch über das Musikpiratenprogramm Napster hinaus, bei dem das Verzeichnis der angeschlossenen PCs auf einem zentralen Server ruht - und damit leicht verwundbar ist.

Niemand weiss, wo sich was auf welchem PC befindet

Gene Kan fürchtet nicht, dass jemand rechtlich gegen ihn vorgehen könnte. «Wir sind keine Firma», sagt er. Noch einen Schritt weiter geht Ian Clarke, der Erfinder von FreeNet. In anarchistischem Geist erklärt der 23-jährige Ire, dass FreeNet den Menschen erlauben wolle, «Informationen ohne Angst vor jeglicher Zensur zu publizieren». Wer sich an FreeNet beteiligt, stellt einen Teil seiner Festplatte als Zwischenlager für Dateien zur Verfügung. Alle ausgetauschten Daten werden auf mehreren PCs abgespeichert, und niemand weiss, wo sich was befindet. «Wenn mich eine Regierung kidnappen würde, um das FreeNet zu zerstören, hätte das keinen Effekt», sagt Clarke. Dass die unkontrollierbaren neuen Netze der Piraterie, Pornografie oder dem Rassismus Vorschub leisten könnten, mag manche beunruhigen. Clarke hält ihnen den Grundsatz entgegen: «Es ist sinnlos, für freie Meinungsäusserung einzutreten, wenn man nur erlauben will, womit man selbst einverstanden ist.»

 

Gnutella, FreeNet, Napster & Co

Gnutella-Software: http://gnutella.wego.com

Support via Internet Relay Chat, Channel: #gnutella (IRC-Software auf http://www.irchelp.org)

FreeNet: http://freenet.sourceforge.net

Napster: http://www.napster.com

 

Anmerkung der Vereinigung IOZ:
Wir zitieren diesen Beitrag aus der Sonntags-Zeitung nicht deshalb, weil wir damit Internet-Piraterie fördern möchten (das will vermutlich auch die Sonntags-Zeitung nicht), sondern weil dieser Bericht im Kampf gegen politische und moralisierende Internet-Zensur von Bedeutung sein könnte.


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