19. April 2000
Aus der Weltwoche, Ausgabe Nr. 13/00, 30.3.2000
Filter-Software für das Web erfreut sich bei Pädagogen steigender Beliebtheit. Doch allzu oft bietet sie nur vermeintliche Sicherheit
Von Alain Egli
Das WWW ist ein Sündenpfuhl,
zumindest den landläufigen Vorurteilen zufolge. Wenngleich diese Einschätzung von
Untersuchungen Lügen gestraft wird - tatsächlich sollen weit weniger als ein Prozent
aller Websites unziemlichen Inhalts sein -, so glaubt doch männiglich Schutzmauern
errichten zu müssen. Nicht zum eigenen Wohle, selbstverständlich, sondern für zarter
besaitete, weniger selbstverantwortliche Zeitgenossen. Dabei kann die Zensur theoretisch
an vier Stellen ansetzen: Beim Betreiber einer Site, beim Vermieter des Speicherplatzes,
bei den Internet-Zugangsprovidern und beim Konsumenten. Allerdings vermag keine dieser
Interventionsmöglichkeiten richtig zu befriedigen: Jedem einzelnen Inhalts-Anbieter
habhaft zu werden, ist in der Praxis schwierig, zu gross ist das Netz und zu leicht das
Untertauchen. Als nur vermeintlich wirksamer erweist sich die immer beliebtere Praxis, die
Betreiber der «hostenden» Server für die Inhalte der Sites ihrer manchmal vielen
tausend Kundinnen und Kunden zur Verantwortung zu ziehen. Dazu fehlt nämlich eine
weltweit einheitliche Rechtssprechung, so dass verbotene Seiten flugs auf Server im
Ausland verschoben werden. Doch selbst wenn es eine verpflichtende globale
Internet-Verfassung gäbe, bestünde noch immer das Problem der Durchsetzung: Wie sollten
Cyber-Polizisten auch jeden Winkel des Internets überwachen können? - Diese Einwände
ändern selbstverständlich nichts daran, dass weiterhin Versuche zur internationalen
Gesetzesharmonisierung unternommen werden. Weil die Anbieterseite so schwer zu
kontrollieren ist, ruhen die Hoffnungen der Saubermänner und -frauen auf defensiven
Methoden. Mit Filter-Software soll Unerwünschtes vom Bildschirm ferngehalten werden.
Solche Programme entwicklen sich daher zu einem zusehends lukrativeren Industrie-Zweig.
Das beweist unter anderem der Hersteller SonicWall, der vergangenen August an die Börse
ging und dessen Aktienkurs sich seither vervierfacht hat.
Der Bezug von Filtern erfolgt - wie hier einst berichtet - zumeist direkt über das Netz.
Danach werden sie auf dem Heim-Computer installiert und mit einem Passwort versehen, um so
etwa dem Nachwuchs das Stöbern in unziemlichen Gefilden zu verunmöglichen.
«Erschweren» müsste es allerdings korrekterweise heissen, denn die Wirksamkeit von
Filter-Software wurde schon wiederholt in Frage gestellt. So sollen bei einem unlängst
durchgeführten Test als Computer-Laien beschriebene Kinder binnen zwei Studen sämtliche
in Deutschland erhältlichen US-amerikanischen Programme überlistet haben.
Weil Softwares oft schlecht abschneiden und weil sich viele Eltern eine korrekte
Installation nicht zutrauen, melden sie sich zum effizienteren Schutz der Familie gleich
bei einem jener «sauberen » Internet-Service-Providern (ISP) an, von welchen es allein
in den USA offenbar schon ungefähr dreissig gibt. Diese Provider filtern pornographische
Inhalte (mehr dazu hier) und Hass-Sites (mehr dazu hier), auf dass kein schmutzig Bit die
Leitungen verlasse.
Filter-Software ist nicht überall
beliebt. Gerade neugierige Pennäler freuen sich wenig über diese Programme, die ihnen
den Zugriff aufs Internet beschränken. Ein besonders hartnäckiger Kritiker von
Internet-Filtern ist gemäss «Internet Intern» der einundzwanzigjährige Bennett
Haselton, der die Öffentlichkeit auf seiner Website Peacefire schon wiederholt vor
Unzulänglichkeiten von «Censorware» gewarnt hat. Unlängst entschlüsselte er beim
Symantec-Filter I-Gear mittels eines selbst verfassten Hilfsprogramms die geheime Liste
verbotener Sites und stellte dabei in den ersten fünfzig Adressen der Kategorie
«Pornographie» eine Fehlerquote von sechsundsiebzig Prozent fest. Dies zeige einmal mehr
- so eine Vertreterin des Center of Democracy and Technology (CDT) gegenüber «Wired
News» -, welche Risiken Eltern und Systemverwalter eingehen, welche sich auf
Filterprogramme verlassen. Dass die Herstellerin Symantec inzwischen wegen Verletzung des
Copyrights und Veröffentlichung von Firmengeheimnissen geklagt hat, erstaunt zwar wenig,
wird aber auch kaum etwas bewirken. Schon vor drei Jahren krebste nämlich die
Herstellerin des Internet-Filters Cyber Sitter nach vergleichbaren Drohungen gegen
Peacefire wegen mangelnder Erfolgsaussichten zurück.
Die Ungenauigkeit von Filter-Programmen ist bei genauerem Besicht nicht sehr
überraschend, basieren die Softwares doch auf für den Anwender unsichtbaren Liste
gesperrter Sites. Diese Listen werden oft von Robotern generiert, welche Sites nach
unliebsamen Begriffen durchkämmen und gegebenenfalls auf den Index setzen. Im
allerschlimmsten Fall könnte sogar das Wort «Sextett» zur Sperrung einre Site führen.
Aber selbst wenn bei den Robotern «intelligente» Software zur Anwendung kommt, welche
nicht bloss dumpf verbotene Ausdrücke sucht, sondern auch den Kontext berücksichtigt,
ist ein Versagen gewiss. Der gegenwärtige Stand von Übersetzungs-Software, bei der es
letztlich ebenfalls um das korrekte Interpretieren von Wortbedeutungen in bestimmten
Text-Zusammenhängen geht, macht dies klar.
Bedrohlichsind Filter aber auch, wie «Internet Intern» warnt, weil sie Sites von
Filter-Gegnern oder politisch Andersdenkender zu sperren vermögen. Dies belegt wiederum,
welches Machtpotential der «Censorware» innewohnt. Aus diesem Grund findet eine
kürzlich aufgetauchte, Cphack genannte Software, die den sehr weit verbreiteten
Web-Zensor Cyber Patrol austrickst, zahlreiche Anhänger. Cphack enthüllt das elterliche
Passwort und legt gleichzeitig die Liste der über hunderttausend von Cyber Patrol wegen
pornografischer Inhalte gesperrten Sites offen. Unter ihnen befinden sich übrigens
überraschenderweise auch alle Studentenorganisationen der Carnegie Mellon University
(CMU) sowie eine Reihe weiterer Sites, die kein bisschen anstössig sind.
Cphack stösst der Produzentin von
Cyber Patrol, der zum Spielwarenhersteller Mattel gehörenden Microsystems Software,
verständlicherweise sauer auf. Deshalb erwirkte die Firma vor kurzem eine gerichtliche
Verfügung gegen die beiden Erfinder von Cphack, den Kanadier Matthew Skala und den
Schweden Eddy Lansson, mit der Begründung, es sei durch das Programm «irreparabler
Schaden» erwachsen. Ausserdem stellt Mattel das unverfrorene Begehren, die
Serverprotokolle der Cphack-Site einsehen zu dürfen um damit die Identitäten und
Adressen aller Personen zu ermitteln, die das Programm heruntergeladen haben.
Skala wiederum geht es nicht um Schädigung. Gegenüber der Nachrichtenagentur AP
erklärte der junge Dechiffrierer, er sei «aus philosophischen Gründen» gegen
Filter-Software im Internet. «Wir wollten herausfinden, was genau Cyber Patrol blockiert.
Eltern haben das Recht zu wissen, was sie erhalten, und ohne unsere Arbeit wüssten sie
das nicht.» Dem pflichtet auch ein Anwalt der American Civil Liberties Union (ACLU),
Chris Hansen, bei: «Wie sollen Eltern beim Kauf von Filter-Software eine intelligente
Entscheidung treffen können, wenn ihnen das Produkt nicht mitteilt, welche Sites es
blockiert?» Noch bedrohlicher sei die Situation im Falle von öffentlichen Bibliotheken,
von welchen jene mit subventioniertem Internet-Zugang zum Gebrauch von Filter-Software
verpflichtet sind: «Das bedeutet, dass die Regierung Zensoren einsetzt, ohne zu wissen,
was sie zensieren.» Aus diesen Gründen findet Hansen, die Sperrlisten von
Filter-Softwares müssten öffentlich gemacht werden.
Skala und Jansson haben Cphack inzwischen von ihren Websites entfernt - doch zu spät, wie
«Wired News» feststellte: Verschiedene Online-Aktivisten kopierten das Programm
unmittelbar nach Bekanntwerden der gerichtlichen Verfügung und publizierten es auf
zahlreichen «Spiegel-Sites». Dies, obschon offenbar auch solches Spiegeln durch das
Gericht untersagt ist. Tatsächlich wurden schon gegen drei Site-Inhaber
Gerichtsvorladungen ausgesprochen, worauf diese den Bertrieb der Spiegel eingestellt
haben. Aber auch weitere Betreiber sollen durch die Drohungen von Mattel eingeschüchtert
sein, meldet Declan McCullagh von «Wired News», der den Fall engagiert verfolgt.
Gemäss «Future Zone» wurde vergangenen Montag ein Vergleich erzielt, bei dem Skala und
Lansson ihr Wissen Microsystem Software zur Verfügung stellen und im Gegenzug milde
Urteile erwarten dürfen. Die Rechtsmässigkeit dieses Kuhhandels wird allerdings bereits
wieder in Frage gestellt.Zwar behauptet Mattel, die Urheberrechte an Cphack erworben zu
haben. Dies sei jedoch gar nicht möglich, wird entgegnet, da das Programm ursprünglich
als «Open Source»-Software veröffentlicht wurde, welche uneingeschränkt weiterverteilt
werden darf (mehr zu «Open Source» hier). Damit könne es nie ein exklusives
Urheberrecht für Cphack geben, bestätigt ein Rechtsprofessor der Columbia University.
Doch wie McCullagh zu recht orakelt: Dass Mattel sich mit diesem Bescheid zufrieden gibt,
ist unwahrscheinlich.
Mail an die Vereinigung Internet ohne Zensur IOZ
Mail an den Webmaster
URL: www.ioz.ch/news/000419.htm