Aus der WELTWOCHE Ausgabe Nr. 47/00, 23.11.2000
Andy Müller-Maguhn, einst Hacker und heute Mitglied
der «Internet-Regierung» ICANN ist gegen Zensur im Internet
Das Netz ist mehr als ein Wirtschaftsraum
Andy Müller-Maguhn, einst Hacker und
heute Mitglied der «Internet-Regierung»,
über die anstehende Entflechtung des
World Wide Web zwischen Kommerz und
freier Nutzung
Interview: Susan Pfahlbusch
Weltwoche: Herr Müller-Maguhn, wie fühlt man sich
als ehemaliger Hacker aus dem Chaos Computer Club
im europäischen Direktorium der «Internet-Regierung» Icann?
ANDY MÜLLER-MAGUHN:
Hacker bin ich immer noch! Hacken bedeutet
schöpferisch-kritischen Umgang mit Technologien. Das ist
eine Lebenseinstellung, die man nicht verliert. Allerdings
grenzen wir uns stark ab, denn mit Computern werden ja
auch Banken überfallen. Bankräuber werden aber
dadurch, dass sie einen Computer benutzen, nicht zu
Hackern.
Ein kleiner Interessenkonflikt dürfte das für Sie schon
sein: Hacker und Administrator?
Interessenskonflikt? Ich bin ja nicht gewählt worden,
obwohl, sondern weil ich Hacker bin. Ich habe offenbar
den Nerv einiger Leute getroffen, die die
Auseinandersetzung zwischen Kommerz und freier
Benutzung des Internets für zentral halten.
Die letzten Wochen sind Sie von Termin zu Termin
gehetzt und von einer Stadt in die andere geflogen. Als
Sprecher des Chaos Computer Club halten Sie
Vorträge, als gewählter Europadirektor von Icann
werden Sie künftig knapp fünfzig Länder vertreten, und
ganz nebenbei sind Sie noch Student der
Informationswissenschaft in Berlin oder?
Zugegeben, ich war über ein Jahr nicht am Institut, das in
einem Vorort von Berlin liegt. Es ist einfacher, von Berlin
nach Zürich zu fliegen, als dort hinzukommen. Mein
Professor hat mich gerade per E-Mail gefragt, ob ich als
einer der prominenteren Studenten nicht Lust hätte, an
einer Diskussion teilzunehmen, weil der Fachbereich
zugemacht wird. Das finde ich nicht besonders lustig, bloss
weil ich ein Jahr mal nicht an der Uni bin, können sie die
nicht einfach zumachen. Mein Studium der
Informationswissenschaft betreibe ich
zugegebenermassen etwas praxisorientierter.
Sie gelten als Icann-Kritiker. Nun sitzen Sie selbst in
dieser Internet-Regierung. Welche Rolle wollen Sie dort
spielen?
Icann hat eine zentralistische, hierarchische Struktur, die
sich quasi in den Händen der US-Regierung befindet.
Diese Struktur halte ich für veränderungswürdig, weil die
Regierung der USA den Rest der Welt wirtschaftlich,
technisch und kulturell dominiert, was in einem weltweiten
Netz nicht in Ordnung ist. Icann hat bisher als
geschlossener Club funktioniert, der zwar in Statuten
behauptet, nutzerlegitimiert zu sein, es in seinen gesamten
Entscheidungen der letzten zwei Jahre aber nicht war.
Natürlich bin ich nicht so naiv zu glauben, dass ich als
einer von fünf frei gewählten Vertretern das dramatisch
ändern oder die Mehrheitsverhältnisse kippen kann.
Was wollen Sie ändern?
Es ist wichtig, die Vorgänge um Icann öffentlich und damit
diskutierbar zu machen. Damit vorab jene Leute, die das
Internet noch immer für ein dezentrales, anarchistisches
System halten, aus ihrem Dornröschenschlaf aufwachen.
Es gibt Eigenschaften von Icann, die sich auch in einer
Minderheitenposition verändern lassen. Das ist zum einen
die Transparenz der Entscheidungsprozesse. Zum
anderen ist es die Art und Weise, das Netz zu sehen: Die
bisherige Icann-Mentalität ist stark von der Ansicht des
Netzes als Wirtschaftsraum geprägt. Entsprechend wurden
die Ressourcen, also die Namens- und Nummernvergabe,
wie Wirtschaftsgüter behandelt.
Was ist Ihre Vision?
Das Internet ist in erster Linie ein öffentlicher, globaler und
zugegebener-massen neuer Kulturraum, der meines
Erachtens nicht vollständig unter kommerzielle Spielregeln
gestellt werden darf. Dazu braucht es ein Gleichgewicht
zwischen kommerziellen und nichtkommerziellen
Interessen. Ein Beispiel dafür wäre der Vorschlag von
Gewerkschaften, eigene Namensräume wie «union» zu
bilden. Auch die Handhabe der Länderdomains erfolgt
mitunter sehr restriktiv und erlaubt den Bürgern nur sehr
eingeschränkten Zugang zu einer eigenen Domain. In
Frankreich erhalten normale Domains nur Firmen und
Regierungsstellen.
Die grosse Diskussion in der Bevölkerung dreht sich
momentan weniger um die kommerzielle oder
öffentliche Nutzung des Internets. Es geht vielmehr um
Extremismus und Kinderpornografie. Sie bezeichnen
das Internet als einen «globalen Kulturraum»
richtiger wäre wohl: globaler rechtsfreier Raum?
Unsinn. Grundsätzlich sind die Anbieter für ihre Inhalte
verantwortlich. Im Internet kommen derzeit allerdings sehr
unterschiedliche Vorstellungen von Meinungsfreiheit
zusammen. Die deutsche Regierung reagiert
verständlicherweise sehr empfindlich auf rechtsradikale
Propaganda. In den USA gilt die
Meinungsäusserungsfreiheit viel, und selbst Hasstiraden
haben darin Platz. Die chinesische Regierung wiederum
hat überhaupt nichts gegen die Verbreitung von bunten
Bildchen, hält allerdings jede politische Diskussion für
unerwünscht. In arabischen Staaten gelten schon
unverhüllte Frauenköpfe als Pornografie. Als
interkultureller Raum stellt das Internet
nationale Befindlichkeiten vor ganz neue
Herausforderungen. Das Zeitalter der nationalen
Empfindlichkeiten ist insofern schlicht vorbei. Auf der
andern Seite gibt es aber auch globale Übereinkünfte, was
menschenverachtende Inhalte wie zum Beispiel
Kinderpornografie anbelangt die weltweit illegal sind.
Das Problem ist doch aber, dass im Netz alles,
insbesondere auch extremistische und
menschenverachtende Inhalte, offen zugänglich ist.
Wenn wir die Situation haben, dass jeder Sender und
Empfänger sein kann, dann bringt uns das quantitativ und
qualitativ immer mehr Einblicke in die Wirklichkeit. Da
treten gesellschaftliche Realitäten wie etwa der
Rechtsextremismus zutage, die weder lecker sind noch in
politischer Form besonders unterstützenswert. Bloss, das
sind auch Realitäten.
Einblicke in die Realität hin oder her
Kinderpornografie gehört nicht ins Netz.
Ich bin nicht für Zensur, nicht einmal in diesem Fall. Das
Problem ist schliesslich nicht die Verbreitung der Bilder,
sondern der Missbrauch von Kindern. Damit müssen wir
uns auseinander setzen. Dasselbe gilt für den
Rechtsextremismus: Das Problem hier ist nicht, dass übers
Internet irgendwelcher Kram verbreitet wird. Das Problem
ist, dass diese Leute tatsächlich Ausländerwohnheime
angreifen und jüdische Synagogen abfackeln. Dieses
Problem lösen wir nicht dadurch, dass wir das Internet
sauber machen. Wir lösen es, indem wir uns die Frage
stellen, wo diese Leute her-kommen, warum sie so
agieren. Womöglich haben sie keine anderen politischen
und beruflichen Perspektiven vermittelt bekommen.
In der Schweiz sperrt die
Bundesanwaltschaft Seiten
mit rechtsextremem Inhalt bei den Providern. Ist das
der richtige Weg?
Nein, ich halte nichts von Filterstrukturen. Ich glaube
einfach, dass es gesellschaftlich nicht sinnvoll ist, für
solche Kontrollmodelle überhaupt Energie zu
verschwenden. Wer heute extremistische Publikationen
beziehen will, kann es auch ohne das Internet tun.
Wichtiger wäre eine Gesellschaft, die gegenüber asozial
handelnden Teilnehmern immun ist, als sich der Illusion
hinzugeben, man könne das Internet kontrollieren.
Das hört sich gut an, aber es geht ja wohl auch darum,
beispielsweise Kinder vor solchen Inhalten zu
schützen.
Wir dürfen uns nicht einbilden, verhindern zu können, dass
Kinder Zugriff auf für sie schädliche Inhalte erlangen. Wir
müssen mit pädagogischen und gesellschaftlichen
Massnahmen verhindern, dass sie dieser neuen
Medienwelt ausgeliefert sind.
AOL Deutschland bietet nun den kindersicheren
Internetzugang an was halten Sie davon?
Das hat marktwirtschaftliche Hintergründe. AOL möchte,
dass sein Produkt nicht wie bisher auch mit
rechtsradikalem Gedankengut und Pornografie assoziiert
wird. An einer Veranstaltung wurden
Jugendschutzorganisationen, Datenschützer und Leute
wie ich eingeladen, um über die technischen
Spezifikationen des Systems zu reden. Dabei fragte der
Vertreter einer Jugendschutzorganisation erst ganz leise
und, als er keine Antwort bekam, sehr laut, inwieweit AOL
auch den Schutz von Kindern gegenüber Werbung geplant
habe, die bewusst auf der Manipulation von Kindern
beruht. Er bekam keine Antwort.
Das Internet ist längst nicht mehr allein ein
Experimentierkasten. Wie könnte das Verhältnis
zwischen kommerziellen und nichtkommerziellen
Inhalten ausgewogener werden?
Es sollte einen Bereich geben mit Websites, die mit einem
Warenzeichen gekennzeichnet sind und wo klar definiertes
Geschäftsrecht gilt. Daneben sollte es aber Bereiche
geben, wo andere Spielregeln gelten, wo man vom
Konzept der Geschenkkultur ausgeht und sich jeder aus
dem öffentlichen Raum bedienen, aber auch Inhalte in ihn
hineingeben kann. Das ist eine blühende Kultur, und auch
dort wird Geld verdient. Es ist aber eine ganz andere
Wertschöpfungskette, die nicht auf Kontrolle basiert.

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